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Paris-Brest-Paris



Samstag, Anreisetag 18.08.07

Abfahrt von Reutlingen nach Paris um 10 Uhr mit dem Auto.
Ankunft 16.20 Uhr in St Cyr L'Ecole.
Silvia und ich haben uns für 7 Übernachtungen in ein Etap-Hotel,
1,4 km vom Start- und Zielplatz entfernt,eingemietet.
In der Nacht regnet es hin und wieder.

Sonntag 19.08.07

Beim Frühstück sehe ich alt bekannte Gesichter wieder von PBP 2003. Unter anderem Karl Meixensberger, der mir den Tipp für dieses Etap-Hotel gab.
Heute, im Laufe des Tages werden die Startunterlagen abgeholt und gegen 17 Uhr steht noch ein Fototermin aller deutschen Teilnehmer auf dem Programm.
Die Kontrolle der Fahrräder erfolgt diesmal kurz vor der Startaufstellung am Montag.
Das Wetter ist bescheiden, überwiegend bewölkt mit Regen.

Montag 20.08.07

Frühstück um 8 Uhr. Das Wetter ist unverändert.
Was tun mit diesem langen Tag.
Silvia und ich haben uns entschieden ins Zentrum von Saint Quentin en Yvelines zu gehen.
Nach einem kleinen Stadtbummel gehen wir in ein Carrefour Supermarkt, kaufen noch ein paar Dinge ein und kehren dann anschließend ins Hotelzimmer zurück.

Ich habe mich für die 90 h Startgruppe entschieden, wie schon 2003.
Der Start erfolgt um 21.30 Uhr. Ich versuche mich zu entspannen, doch meine Nervosität nimmt stetig zu.
Endlich ist es soweit, nachdem alles kontrolliert und verpackt ist, verabschiede ich mich von meiner Silvia und mache mich auf den Weg.
Silvia will sich den Start ebenfalls anschauen und fährt mit dem Auto nach.
Heute und morgen früh werden sich über 5100 Randonneure auf den Weg nach Brest und zurück machen.
Darunter ca. 387 deutsche Teilnehmer ( drittstärkste Nation hinter Frankreich und den USA).

Diesmal habe ich mich mit niemanden verabredet um gemeinsam zu starten und zu fahren.
Der Trubel um mich herum ist riesig.
Der Start der 20 Uhr-Gruppe steht unmittelbar bevor während ich mich schon vor dem Einlass aufstelle.
Es gelingt mir ohne Schwierigkeiten in die erste Startgruppe zu gelangen und sogar in der ersten Reihe Position zu beziehen.
Soweit vorne war ich noch nie, direkt vor dem Absperrband.
So gelingt es auch Silvia, mir nochmals sehr nahe zu kommen und wir können noch ein paar Worte wechseln.
Start 21.30 Uhr.

St Quentin - Mortagne au Perche

140 km
4:50:00 h
Ankunft : 2.20 Uhr


Pünktlich um 21.30 Uhr erfolgt der Startschuss.
Es nieselt und die Straßen sind nass.
Ich fahre sicherheitshalber ganz vorne mit, um nicht in Stürze verwickelt zu werden. Zwei Motorrädern und ein Auto geleiten uns aus dem Vorort, bis wir nach ca. 20 km auf uns allein gestellt sind.
In der Spitzengruppe gibt es ziemlich viele, die das Gruppenfahren nicht gewöhnt sind.
Die Vordersten warnen die Nachfolgenden nicht vor Hindernissen. Es erfolgen auch keine Handzeichen.
Ich befinde mich mit ausreichendem Abstand so an 14. Position, als es auch schon passiert.
Die erste kleine künstliche Bodenwelle, die oft am Dorfanfang zu finden ist, führt zu einem Sturz.
Anstatt den Lenker festzuhalten und darüber zu fahren, bremsen vor Schreck einige abrupt ab, stellen sich quer und schon purzeln an die acht Fahrer über- und ineinander.
Mir gelingt es auszuweichen und ich fasse den Entschluss jetzt noch mehr aufzupassen.
So kommt es letztendlich dazu, dass ich die letzten 40 km nach Mortagne allein fahre.
Bis Mortagne habe ich schon viele Spezialfahrräder überholt, die um 21 Uhr gestartet sind.
Nachdem ich meine Trinkflaschen aufgefüllt und ein Schinkenbaguette gegessen habe, geht es weiter nach Villaines La Juhel.

Mortagne au Perche - Villaines La Juhel

82 km (gesamt: 222 km)
3:30:00 h (gesamt: 8:20:00 h)
Ankunft : 5.50 Uhr


Der Regen ist zum aushalten. Es nieselt hauptsächlich.
Der Wind ist ganz ordentlich, kommt aus Nordwesten und trifft mich meist von der Seite.
Ich fahre mit einem moltonierten Langarmtrikot, darunter ein Langarmunterhemd, Radhose und Beinlinge.
Ich fühle mich sauwohl auf der Strecke, überhole immer wieder Radler und werde selbst kaum überholt. Dabei rechne ich ständig damit von ganzen Gruppen aus meiner und aus späteren Startgruppen überholt zu werden, aber der Zeitpunkt scheint noch nicht gekommen zu sein.
Nach dem Erreichen von Villaines La Juhel, wird zum erstenmal die Kontrollstelle aufgesucht, wo die Magnetkarte durchgeschoben und mein Fahrtenbuch mit Uhrzeit und Stempel versehen wird.
Auch hier versorge ich mich mit Essen und Getränken und mache mich gleich wieder auf den Weg.

Villaines La Juhel - Fougeres

85 km (gesamt: 307 km)
3:45:00 h (gesamt: 12:05:00 h)
Ankunft : 9.35 Uhr


Der Morgen graut, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein trüber Tag, bedeckt, 12C und windig.
Nach wie vor läuft es gut für mich, keinerlei Beschwerden, die Kleidung noch optimal für die Witterungsverhältnisse.
Dieser Abschnitt zeigt den typischen Charakter dieser Strecke auf. Ein ständiges Auf und Nieder.
Es ist mir gar nicht möglich in einer Gruppe zu fahren.
Entweder fahre ich der Gruppe bergab und auf der Ebene davon oder ich werde zuerst am Berg abgehängt, hole dann wieder auf und überhole und werde wieder im letzten Drittel des Berges eingeholt. Dieses Spielchen kann sich über 4 bis 5 Hügeln wiederholen, bis ich schließlich den meisten dann doch davonziehe.
Nach und nach treffe ich Radler an, die mit der blauen Startnummer unterwegs sind, d.h. sie sind von der 20 Uhr Startgruppe.
Noch bevor ich Fougeres erreiche, verpflege ich mich in einer Bäckerei mit 3 Stück Pain au chocolat und einem Liter L'eau minerale.
Wie ich bereits erahnen kann, ist der Kontrollpunkt schon ziemlich überlaufen. Also schnell abstempeln und weiter, lieber unterwegs nochmals bei einem Supermarkt oder Bäcker anhalten.

Fougeres - Tinteniac

54,5 km (gesamt: 364,5 km)
2:25:00 h (gesamt: 14:30:00 h)
Ankunft: 12 Uhr


Das Wetter hält sich einigermaßen, die Temperaturen klettern teilweise auf 15C.
Dies ist der kürzeste Streckenabschnitt bis zur nächsten Kontrolle, mit relativ kleinen Bodenwellen.
Auch hier suche ich noch vor dem Kontrollpunkt einen Supermarkt auf, wo ich mich mit Cola, L'eau minerale und Bananen versorge.

Auf der Gesamtstrecke sind sowohl auf dem Hinweg, als auch auf dem Rückweg zwei Geheimkontrollen zu passieren, die also nicht auf der Streckenbeschreibung vermerkt sind.
Ich habe bis jetzt noch keine Ahnung wo die eigentlich waren. Nach Erhalt meines Streckenbuches werde ich Gewissheit haben!

In Tinteniac erfahre ich beim Abstempeln, dass ich der erste Fahrer mit einer grünen Startnummer bin.
Das sagt zwar nicht viel aus, da ja bereits Sekunden oder Minuten später Fahrer ankommen können, die eine Stunde später gestartet sind, aber trotzdem erhalte ich einen Motivationsschub.
Ist doch super so gut im Rennen zu liegen!

Tinteniac - Loudeac

85 km (gesamt: 449,5 km)
3:40:00 h (gesamt: 18:10:00 h)
Ankunft:15.40 Uhr


Jetzt fängt es richtig an zu regnen. Ich werde gehörig naß, friere aber noch nicht.
Das Profil ist wieder sehr wellig.
Die Radellust hält sich in Grenzen.
Kilometer um Kilometer werden abgespult.
In Loudeac nehme ich die erste warme Mahlzeit zu mir. Bei uns würden wir sagen: Zwei Stück Kassler mit Nudeln und Soße. Dazu zwei Schälchen Grießpudding, Cola und Wasser.
In all den folgenden Kontrollpunkten werde ich warme Essen in mich reinschlingen, ungeachtet der schwindenden Euros.
Aufgetankt fährt sich nun mal besser.
Auch in Loudeac bin ich bis dahin noch der erste "Grüne".

Loudeac - Carhaix

76 km (gesamt: 525,5 km)
3:31:00 h (gesamt: 21:41:00 h)
Ankunft: 19.11 Uhr


Bislang bin ich sehr zufrieden mit dem Verlauf des Rennens.
Die Stimmung an der Strecke ist, wie schon 2003, ganz toll. Es ist ein schönes Gefühl von den Leuten am Straßenrand gegrüßt zu werden. Egal, ob jemand gerade seinen Briefkasten leert, den Müll rausbringt, die Straße fegt oder bewusst am Straßenrand steht. Die allermeisten wünschen einem eine gute Fahrt: "Bonne route", "Bon courage" etc..
Verpflegungsstellen von Einheimischen laden zu Kurzstopps ein.
Schnell ein paar Kekse gegessen, eine heiße Schokolade getrunken und ein paar Worte gewechselt. Kinder und Jugendliche stecken einem Zettel mit ihrer Adresse zu, mit der Bitte eine Postkarte mit der Platzierung und Endzeit zu schicken.
Kurz vor Carhaix trocknet die Straße vollständig ab.
Ich habe noch keine Beschwerden und liege gut in der Zeit.
Am Kontrollpunkt bin ich nun nicht mehr der Einzige mit einer grünen Startnummer.

Carhaix - Brest

89 km (gesamt: 614,5 km)
4:17:00 h (gesamt: 25:58:00 h)
Ankunft: 23.28 Uhr


Das Fahren macht nun wieder mehr Spaß. Es ist total trocken.
Die Aufstiege bis zum Roc Trevecel sind absolut unspektakulär. Ohne Schwierigkeiten erreiche ich den höchsten Punkt der Tour.
Ich habe keine Ahnung wieso, aber wie schon 2003, gehe ich davon aus, dass Brest innerhalb der nächsten Stunde im Sack ist.
Kurz nach dem Roc Trevecel, praktisch an der nächsten Kreuzung, hat man einen wunderschönen Ausblick Richtung Brest.
Die Sonne, blutrot am Horizont zu sehen, ist im Begriff unterzugehen. Davor spiegeln sich diverse Gewässer.
Man könnte vermuten schon die Ausläufer des Meeres zu sehen.
Dies ist leider ein fataler Trugschluss. Nach wenigen Kilometern steht auf ein Straßenschild, noch 54 km bis Brest.
Da bricht kurzfristig eine Welt zusammen.
So ein Mist, das sind locker noch mindestens 2,5 h. Alles Jammern hilft nichts. Augen zu und durch.
Die Fahrt zieht sich wie Kaugummi dahin.
Während der Fahrt stelle ich mich noch auf die letzten zwei Kilometer bis zum Kontrollpunkt ein. Ein ziemlich steiler Anstieg habe ich noch in Erinnerung.
Letztendlich ist er doch steiler gewesen wie angenommen.
So, die Hälfte wäre geschafft. 2003 habe ich versucht in Brest zu schlafen, was damals nicht von Erfolg gekrönt war. Die Decken waren kratzig und es wurde viel geschnarcht.
Dieses Mal will ich weiterfahren und erst in Villaines La Juhel, nach 1002,5 km, für zweieinhalb Stunden ausruhen.
Vorher genehmige ich mir noch ausgiebig ein warmes Essen, viel Nachtisch und Getränke sowieso.

Brest - Carhaix

84,5 km (gesamt: 699 km)
5:11:00 h (gesamt: 31:09:00 h)
Ankunft: 4.39 Uhr


Wie es der Zufall will, treffe ich beim Losradeln einen deutschen Kollegen.
Es ergibt sich, dass wir bis ein paar Kilometer nach dem Roc Trevecel mehr oder weniger zusammenradeln, dann verlieren wir uns wieder aus den Augen.
Ich bin ganz froh, dass ich nicht allein radeln muss. Die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Durch gelegentliche Gespräche hält man sich wach.
Auf den Weg Richtung Roc Trevecel fahren wir auf einer ca. 1 km langen Geraden aufwärts, als wir von einem Kastenwagen mit ca. 40 km/h überholt werden. An der rechten Seite der Beifahrertür hält sich ein Mitstreiter fest und lässt sich nach oben ziehen.
Das ist kaum zu glauben, was wir da sehen. Auch auf der Strecke sehen wir nicht wenige Begleitfahrzeuge, die am Straßenrand stehen und auf ihre Randonneure warten, bzw. Randonneure, die sich gerade verpflegen, umziehen oder eben wie geschildert mit dem Auto transportiert werden.
Als wir auf der Anhöhe ankommen, sehen wir tatsächlich, dass der unsportliche Kamerad samt Autofahrer, sich im heftigen Gespräch mit zwei Motorradkontrolleuren befinden.
Welch Genugtuung.
Nach dem Erklimmen des Roc Trevecel erfolgt eine superlange Abfahrt. Kaum zu glauben, dass ich die kürzlich erst rauf bin.
Jetzt ist der Zeitpunkt erreicht, wo uns plötzlich sehr viele Randonneure entgegen kommen, die sich auf den Weg nach Brest befinden.
Das ist wahnsinnig anstrengend. Erstens fahren wir in dieser Phase auf einer sehr engen Straße. Zweitens habe viele Randonneure ein Festbeleuchtung am Rad, was schön aussieht, aber mich vollständig blendet.
Ich muß mich fürchterlich auf den Fahrbahnrand konzentrieren und versuchen die Spur zu halten.
In Carhaix wird wieder ausgiebig gegessen und getrunken, um zu vermeiden, dass ich auf dem Weg zur nächsten Kontrollstelle einen Hungerast erleide.

Carhaix - Loudeac

76 km (gesamt: 775 km)
4:15:00 h (gesamt: 35:24:00 h)
Ankunft: 8.54 Uhr


Das Wetter ist wieder recht bescheiden. Es regnet und windet bei 12C.
Es kommen mir immer noch genügend Randonneure entgegen, die sich auf den Weg nach Brest befinden. Ich bin froh, dass ich mich schon wieder auf den Rückweg befinde.
Nach und nach wird es zunehmend heller. Die zweite Nacht wäre geschafft. Das Fahren ist nun nicht mehr so anstrengend, zumal ich auch meinen Nabendynamo ausschalten kann. Nach wie vor fahre ich noch in den gleichen Klamotten, wie am Start.
Solange ich nicht friere und auskühle, werde ich so weiter fahren, obwohl es zunehmend feuchter auf der Haut wird.

Loudeac - Tinteniac

85 km (gesamt: 860 km)
4:21:00 h (gesamt: 39:45:00 h)
Ankunft: 13.15 Uhr


Sowohl der letzte, als auch der folgende Abschnitt, sind ziemlich langwierig. Die Kontrollstellen liegen weit auseinander. Es geht immer wieder rauf und runter.
Nach wie vor befinden sich immer noch Radler auf den Weg nach Brest.
Das Fahren läuft vollkommen automatisiert ab.

Tinteniac - Fougeres

55 km (gesamt: 915 km)
2:58:00 h (gesamt: 42:43:00 h)
Ankunft: 16.13 Uhr


Zum Glück eine kurze Etappe, da ist das nächste Ziel nicht weit.
Langsam machen sich bei mir Sitzprobleme bemerkbar. Es regnet jetzt so stark, dass ich vollkommen durchnässt in Fougeres ankomme.
Hier stelle ich meinen Tacho wieder auf Null und notiere mir die Werte.

Laut Tacho bin ich bis jetzt 916,49 km in 38 h 14 min. (reine Fahrzeit) gefahren. Dies entspricht 23,96 km/h. Meine Höchstgeschwindigkeit beträgt 63,9 km/h. Insgesamt habe ich bis hierher Pausen von 4 h 29 min. gemacht. Das erklärt, wieso ich noch so gut im Rennen liege.

Nach der Registrierung, suche ich die Duschen auf.
Mein Hinterteil fühlt sich nicht gut an. Diverse Druckstellen scheinen am Polster zu kleben.
Doch die Vorfreude auf eine heiße Dusche überwiegt und lässt mich die Schmerzen vergessen. Leider hat das Wasser nur eine leichte Tendenz hin zum lauwarmen.
Naja, macht nichts, schnell rein in die frischen, trockenen Klamotten.
Die nassen Sachen noch schnell in die Plastiktüte und hinten aufs Fahrrad geschnallt.
Dann nichts wie ab ins Restaurant, zum warmen Essen.
Dies ist jetzt meine erste, größere Unterbrechung.
Das Duschen und der Kleiderwechsel haben mich etwas aus dem Tritt gebracht.
Bevor ich losfahre, ziehe ich mir erstmals Überschuhe, Regenhose und Regenjacke an. So wohlig warm eingeschweißt, mache ich mich wieder auf den Weg.

Fougeres - Villaines La Juhel

87,5 km (gesamt: 1002,5 km)
5:22:00 h (gesamt: 48:05:00 h)
Ankunft: 21.35 Uhr


Keine 10 Minuten später, noch während eines kleinen Anstieges, ist mir so unerträglich heiß, dass ich mir sofort die gesamte Regenausrüstung wieder vom Leib reiße, ausgenommen der Überschuhe.
Das rächt sich bereits nach 45 Minuten. Total ausgekühlt, vor allem wegen dem Wind, ziehe ich freiwillig alles wieder an.
Die Regenhosenbeine fixiere ich aber mit dem Klettband, oberhalb der Waden, damit hier die Stauwärme abfließen kann.
Jetzt kann es endlich ohne Unterbrechung weitergehen.
Anfangs läuft noch alles ganz gut. Der Hintern schmerzt, das linke Knie beschwert sich, aber ich komme voran.
10 km vor Villaines La Juhel, habe ich einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Ich fühle mich wie bei einem Hungerast.
Mitten im Grünen, halte ich an, schiebe mein Rad in einen Seitenweg und lehne es an einen Pferdekoppelzaun. Das dazugehörige Pferd steht unweit unter einem Apfelbaum und reibt sich genüsslich sein Hinterteil an eben diesen. Meine Trinkvorräte sind fast aufgebraucht.
Was tun, ewig kann ich hier nicht rumstehen und warten bis ich wieder zu Kräften komme.
Ein italienischer Randonneur radelt an mir vorbei. Kurz darauf folgt ein weiterer, vermutlich aus England.
Dieser scheint die gleichen Probleme zu haben wie ich. Dieser Abschnitt läuft einfach nicht, der klebt nur noch. Langsam entschwindet er meinem Blick.
In dem Moment fällt mir der Spruch ein: "Geteiltes Leid ist halbes Leid!"
Vielleicht ist was Wahres dran.
Relativ schnell schwinge ich mich aufs Rad, versuche eine schonende Sitzhaltung einzunehmen und fahre dem Leidensgenossen hinterher.
Langsam aber sicher hole ich auf. Als ich neben ihm bin, begrüßen wir uns kurz, um anschließend wortlos nebeneinander die Steigung zu erklimmen.
Ich komme wieder besser in den Tritt und auf der Anhöhe schließe ich zum italienischen Randonneur auf, der scheinbar auf mich gewartet hat.
Bis nach Villaines La Juhel macht er die meiste Führungsarbeit und ich bedanke mich überschwänglich bei ihm, als wir den Kontrollpunkt erreichen.
Mir ist klargeworden, dass ich eine Schlafpause einlegen muß, damit ich nicht wieder zwischen zwei Kontrollpunkten, allein in der Natur, stecken bleibe.
Nach einem Teller Spaghetti mit Hackfleisch oder so ähnlich, melde ich mich zum Schlafengehen an. Wie schon 2003 hat hier die Jugend alles im Griff.
Zweieinhalb Stunden will ich schlafen, das heißt um 1.30 Uhr möchte ich geweckt werden.
Ausgerüstet mit einer Decke, werde ich ins Matratzenlager geführt, das fast leer ist.
Die Regenjacke und die Regenhose ziehe ich aus und lege mich mit feuchtem Trikot, Radhose und Radschuhen mit Überschuhen auf die Matratze. Nach 5 Minuten gibt die Decke immer noch nicht warm und ich fange schon an leicht zu zittern.
Ich entschließe mich zum ersten Mal die mitgeführte Rettungsdecke zu benutzen.
Es raschelt alles fürchterlich. Voll eingepackt in Alu kommt noch die Decke drüber.
Es ist wirklich erstaunlich wie die Körperwärme gespeichert wird. Mir ist tatsächlich ein wenig wärmer.
Das ständige Rascheln, die blöden Schuhen an den Füßen verhindern einen erholsamen Schlaf. Immer wieder werde ich wach und stehe schließlich nach einer Stunde und vierzig Minuten auf.
Die Jugendlichen sind überrascht, wieso hier einer ohne Weckdienst aufsteht. Das kommt sicherlich nicht oft vor.
Nachdem ich mich endlich wieder vollständig angezogen habe, schwinge (stemme ich mich) wieder auf das Rad.

Villaines La Juhel - Mortagne au Perche

82 km (gesamt: 1084,5 km)
7:03:00 h (gesamt: 55:08:00 h)
Ankunft: 4.38 Uhr


Erst nach einigen Kilometern werde ich wieder warm. Es regnet ohne Unterlass, teilweise richtig stark.
Monoton spule ich Kilometer für Kilometer ab.
Gelegentlich treffe ich einen Randonneur, aber das war es auch schon.
Irgendwann, in einem Kreisverkehr, habe ich den Richtungspfeil zu spät gesehen und bevor ich noch ne Runde drehen wollte, fahren zwei Radler an mir vorbei, wobei einer mir zuruft: "Hier geht's lang."
"Ja ich weiß", gebe ich ihm zur Antwort.
Kurz darauf überhole ich die zwei, da sie unter einer Brücke kurz anhalten.
Als sie mich wieder einholen, sagt einer von Ihnen: "Da ist ja wieder der Deutsche, der sich verfahren hat."
Schlagartig erkenne ich im Dunkeln die Stimme und sage: " Mensch Urban, ich kann es nicht glauben."
Jetzt erkennt Urban mich auch. Wir wechseln noch ein paar Worte, bevor er mir davoneilt.
Mit Urban bin ich 2003 zusammen die ersten 615 km nach Brest geradelt.
Dieser Zufall hat mich richtig wachgerüttelt.
In Mortagne au Perche ziehe ich wieder die Regensachen aus, esse wieder etwas Warmes und packe mich dann sitzend in meine Rettungsdecke ein.
So döse ich noch 20 Minuten vor mich hin, bevor ich mich notgedrungen auf die Weiterfahrt mache.

Mortagne au Perche - Dreux

74 km (gesamt: 1158,5 km)
6:27:00 h (gesamt: 61:35:00 h)
Ankunft: 11.05 Uhr


Bis Fougeres lief das Rennen für mich perfekt.
Doch ab dem Duschen und dem Kleiderwechsel, läuft es nicht mehr so rund.
Meine Verfassung ist nicht mehr die Beste.
Oft fahre ich im Wiegetritt, beschleunige auf 28 km/h, lege anschließend meinen linken Unterschenkel zwecks Schonung des Hinterteils auf den Sattel ab und lasse das Rad ausrollen, bis die Geschwindigkeit auf 20 km/h absinkt, dann wieder von vorne.
Das sieht bestimmt komisch aus und hat mit sportlichem Radfahren nicht mehr viel zu tun, aber ich komme voran!
Dann passiert das Unfassbare.
Gegen 7 Uhr, ca. drei Kilometer nach Longny au Perche, reisst mir der Schaltzug für die Ritzel am Hinterrad, mitten im Wald.
Schlauch, Speichen, aber kein Seilzug dabei! (Das nächste Mal bestimmt!)
Mit viel Kraft wickle ich das Seil, das direkt oben am Schalthebel gerissen ist, unter Spannung um den Rahmen, um wenigstens die Kette auf das zweitkleinste Ritzel zu bringen.
So fahre ich vorne mit dem kleinsten Kettenblatt, hauptsächlich im Wiegetritt, noch ca. 11 km nach La Ferté Vidame, um einen Fahrradladen zu suchen.
Die erste Person, die mir über den Weg läuft und gerade vom Bäcker kommt, spreche ich an und frage nach einem Mechaniker.
Wie sich später herausstellt, ist es die Frau des Bürgermeisters von La Ferté Vidame.
Sie erklärt mir ,dass der hiesige Mechaniker erst um 9.00 Uhr seinen Laden aufmacht.
Aus diesem Grund ruft sie ihren Mann an, der schließlich auch etwas von der Mechanik versteht.
Nach einem Telefonat im Büro des Bürgermeisters, versichert sie mir, dass ihr Mann gleich kommt und sich das Rad anschauen wird.
Ich bedanke mich und warte.
Die Warterei macht mich nervös.
Wie soll ein Bürgermeister mir helfen können, wo ich doch einen Fahrradmechaniker benötige.
Mehrmals überlege ich mir einfach weiterzuradeln zur nächstgrößeren Stadt, als ca. eine Dreiviertelstunde später Monsieur Guy Le Toux mit seinem Wagen vorfährt.
Ein netter Herr, an die 50 Jahre alt, mit Pulli, blauer Latzhose und einer grauen Pudelmütze auf dem Kopf, entsteigt seinem Gefährt und gibt mir einen kräftigen Händedruck.
Dann öffnet er den Kofferraum und zum Vorschein kommt eine Plastikkiste, in dem sich Werkzeug, mehrere Seilzüge von Motorrädern, Rasenmähern, Mopeds etc. befinden.
Gemeinsam fädeln wir den dünnsten Seilzug ein und fixieren das untere Ende des gerissenen Seilzug mit dem neuen Seilzug, mit zwei Metallklemmen.
Tatsächlich, es funktioniert, ich kann wieder schalten.
Voller Freude, bedanke ich mich recht herzlich bei ihm und bitte ihn noch um seine Adresse, um mich bei ihm später noch schriftlich bedanken zu können.
Weiter geht es nach Dreux.
Kurz vor Dreux fahre ich mir noch einen Platten am Hinterrad.
Nach dem Beheben der Panne, erreiche ich fix und fertig den vorletzten Kontrollpunkt.
Die zwei Pannen zusammen haben mich 2 Stunden gekostet.
Wer weiß, was noch kommen wird. Jedenfalls bin ich noch 69 km vom Ziel entfernt.
Das muss doch noch zu schaffen sein!
Schnell esse ich noch zwei süße Stückchen, gefüllt mit Apfelmus und trinke eine Dose Cola.
Dann rufe ich Silvia an, dass ich mit viel Glück in ca. 4 Stunden im Ziel sein werde.

Dreux - Guyancourt

68,5 km (gesamt: 1158,5 km)
3:47:00 h (gesamt: 65:22:00 h)
Ankunft: 14.52 Uhr


Die Strecke zieht sich wie Kaugummi.
Hauptsächlich, unterbrochen durch gelegentliche Ortschaften, geht es über weite Ackerflächen dahin, dem Wind vollständig ausgesetzt.
Weitere Schmerzen stellen sich ein. Die Fußsohlen brennen und man hat das Gefühl, das jede Fußsohle aus einer einzigen, großen Blase besteht.
Nach 18 km werde ich von Armin Huber überholt, der am Dienstagmorgen gestartet ist und somit genau siebeneinhalb Stunden schneller unterwegs ist als ich.
Das freut mich enorm. Armin stammt aus Tübingen, der direkte Nachbarort von Reutlingen, meines Wohnsitzes. Wir sind schon ein paar mal miteinander geradelt. Er ist bärenstark.
Ich wünsche ihm noch alles Gute, bevor er mir nach und nach davoneilt. Während ich so weiter vor mich hinradle, stelle ich fest, dass ich meinen Kopf nur noch kurzfristig heben kann, um die Fahrbahn abzusuchen ob auf den folgenden 50 m ein Hindernis z.B. toter Igel auf der Straße liegt.
Ansonsten hängt mein Kopf kraftlos auf den Schultern, der Blick nur noch an den Fahrbahnrand geheftet, um die Spur halten zu können.
Dieses Gefühl ist unbeschreiblich, wenn man keine Kraft mehr hat den Kopf zu heben. Man muss es erlebt haben.
Witzigerweise spiegelt sich mein Kopf in Weitwinkelperspektive auf der Rückfront meines E6-Scheinwerfers, der oben am Lenker montiert ist.
Das sieht zu lustig aus.
Doch es drängt sich mir die Frage auf, wie ich in diesem Zustand in Paris ankommen soll.
Schließlich komme ich ja wieder irgendwann unter Leute, den momentan vorhandenen Maispflanzen, links und rechts der Straße, kann es ja egal sein.
Also versuche ich mit meiner schon beschriebenen, berüchtigten Radeltechnik mein Genick phasenweise zu entlasten.
Das Rad im Wiegetritt auf ca. 28 km/h bringen, linker Unterschenkel auf den Sattel ablegen, den Lenker mit der linken Hand festheben, mit der rechten Hand eine Faust machen, unter das Kinn heben, um somit den Kopf zu stützen.
Unzählige Mal wiederhole ich diese Prozedur, bis ich die ersten Vororte von Paris erreiche.
Das hat tatsächlich ein wenig geholfen.
Zum Glück hat es keiner gesehen.
Als ich den ersten Vorort erreiche, bin ich der Meinung, dass ich demnächst im Ziel sein werde und setze noch ungeahnte Kräfte frei.
Mir geht nach 30 Minuten schon langsam die Puste aus, da entdecke ich ein großes gelbes Schild, darauf steht mit großen, schwarzen Buchstaben geschrieben, noch 20 km bis ins Ziel.
Das war's wieder mal.
Der Verstand erkennt das Fiasko, die Tankuhr geht schlagartig auf Null, das Rad samt Randonneur steht am Straßenrand.
Diese Zwangspause nutze ich um meine Regenkleidung abzulegen und zu verstauen.
Schließlich will ich in meinem neuen Trikot ins Ziel kommen.
Kurz vor dem Ziel treffe ich noch Jürgen Unger, dessen Frau zusammen mit meiner Silvia sehnsüchtig auf unsere Rückkehr warten.
Gemeinsam fahren wir ins Ziel, wo wir von unseren Frauen umarmt und beglückwünscht werden.
Laut Tacho habe ich für die letzten 315,9 km 15 h 28 min. (reine Fahrzeit) benötigt. Dies entspricht einen Schnitt von 20,4 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 61,8 km/h. Dabei habe ich, inklusive 2 Stunden Ausfallzeit aufgrund von Defekten, insgesamt 6 h 54 min. Standzeiten gehabt. Im Vergleich dazu, bei den ersten 916 km Standzeiten von nur 4 h 29 min..
Unter dem Strich habe ich mich gegenüber 2003 um 1 h 18 min. verbessert!

Fazit:

Der Versuch die gesamte Strecke ohne Schlaf zu bewältigen, ist gescheitert.
Ein positives Erlebnis war, die Distanz mehr oder weniger allein zu fahren.
Dadurch fährt man seinen eigenen Rhythmus, muss auf niemanden warten und spart somit Zeit.
Das Wetter war bis auf Carhaix und Brest schlichtweg bescheiden. Bedingt durch die Nässe, gab es blutunterlaufene Hämatome am Gesäß und die brennenden Füße!
Von den 5162 gestarteten Randonneure, kamen 3703 ins Ziel. Die meisten der 1459 Abbrecher haben bestimmt aufgrund des schlechten Wetters aufgeben müssen. Der Prozentsatz der Nichtfinisher liegt bei 28%. So hoch wie noch nie zuvor!
5000 Trainingskilometer (4500km Rennrad, 500 km Mountainbike) haben ausgereicht, um Paris-Brest-Paris in 65 Stunden und 22 Minuten zu bewältigen. Dazu noch eine Portion starken Willen, wenig Schlaf, wenig Pausen und eine gehörige Portion Glück.
Als Nachwirkungen, außer dem Glücksgefühl, habe ich noch nach zweieinhalb Wochen taube Zehen!

Tourdaten:
Start: 20.08.07 um 21.30 Uhr
Ankunft: 23.08.07 um 14.52 Uhr
Tourdauer: 65 h 22 min.
Zeitlimit: 90 h
Tourlänge: 1232,4 km
Höhenmeter: 10000 hm
reine Fahrzeit: 53 h 42 min.
Durchschnittsgeschwindigkeit (reine Fahrzeit): 22,95 km/h
Temperatur: zwischen 12C und 15C

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Abholen der Startunterlagen
unter Gleichgesinnten
Versuch einer Gruppenaufstellung aller Deutschen
Posing
Silvia mit Rennrad
kurz vor dem Start der 20h Gruppe
aktivieren der Magnetkarten und Vermerk der Startzeit im Streckenbuch
Magnetkarte
Start der 21.30 Uhr Startgruppe
noch alles im grünen Bereich
ziemlich naß
das Wetter wird nicht besser
auf dem Roc Trevezel
Zielankunft
Abgabe des Streckenbuches
der Eiffelturm
mein Rad nach 1232 km
geflickter Schaltzug, unten links mit 2 goldenen Metallklemmen!



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